| Michael Schneider / Printmaker |
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Holzdrucke/ woodblock prints/
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Erfahrungen mit der Druck-Kunst und dem Kunst-Denken Michael Schneiders, aufgezeichnet von Leonore Maurer Michael Schneider ist ein Druckgraphiker, der einen Holzstock bearbeitet und dann von diesem Stock druckt. Aber er ist kein Holzschneider oder –stecher. Zu der Art, wie er das Holz bearbeitet, kam er durch das Schneiden im Holz - in Kombination mit Überlegungen, was er durch seine Arbeit erreichen will. Der Widerspruch zwischen der erlernten Eleganz der geschnittenen Linien und der Herbheit, die dem Holzschnitt immanent sein muß, war der eine Ausgangspunkt, der andere ist seine Stellung zu der alten kunsttheoretischen Frage nach dem Wesen der Kunst. Auf eine schwierige Frage beginnt die Antwort gern mit einer Ausgrenzung, einer Beschreibung ex negativo: Gegenstand der bildenden Kunst sei, was in Worten nicht zureichend beschreibbar sei. Die zweite Antwort ist eine positive: die Technik, die Methode müsse sich aus dem ergeben, was entstehen soll, was "es" sein soll. Kunstmachen beginnt für Michael Schneider mit der Wahrnehmung, und zwar mit einer besonderen Form der Wahrnehmung, bei der der Gegenstand in den Hintergrund tritt – er spricht von "umformulierter Seinserfahrung". Diese entzündet sich daran, daß sich viele verschiedene Bedeutungsebenen in der Arbeit zu einer Form verdichten, wodurch diese für verschiedenste Bezüge, verschiedenste Interpretationen offen ist. Die eindeutige Form wäre eben jene außerkünstlerische, nicht mehr sinnlich sondern nur begrifflich wahrnehmbare. Das Verschmelzen der Sinn-Möglichkeiten eröffnet die Möglichkeit, auf der Ebene der Sinnlichkeit wahrzunehmen. Michael Schneider weiß, daß die Sinnenfreude ein Grund der Kunst ist. Der Druckgraphiker erzeugt zwei voneinander zwar abhängige, aber deutlich voneinander unterschiedene Produkte: einen Druckstock und einen Druck. Die Bedeutung dieser Produkte folgt aus ihrem Zweck: Geht es um Reproduktion, ist der Stock bedeutungslos, nur die Drucke zählen. Umgekehrt verhält es sich bei buddhistischen Gebetssteinen: Das Gebet ist am heiligen Ort in Stein gemeißelt: nur dieser ist wesentlich. Daß jeder Pilger sich einen Abdruck vom Stein mitnehmen kann, beweist die Nebensächlichkeit des Abdrucks. Der Künstler Michael Schneider aber suchte nach einer Methode, bei der beide, Stock und Abdruck, gleichberechtigte Arbeitsprodukte seien. Während im traditionellen europäischen Holzschnitt alle druckenden Teile des Stockes auf gleicher Ebene sein müssen, da mit Walze und Ölfarbe gedruckt wird, verwendet Michael Schneider die japanische Form des Druckens vom Holz mittels wasserlöslicher Farbe, der Sumi (japanische Tusche), die händisch mit der Bürste aufgerieben wird: Das erlaubt ihm, von einer reliefierten Fläche zu drucken. Diese Fläche stellt er her, indem er mit Faustkeilen - Steinen, die er am Boden findet – auf das Holz schlägt. Dadurch entsteht ein komplexes Muster von Vertiefungen und Erhöhungen und den Abhängen, die diese verbinden. Im Druck stellt sich das als eine Papierfläche dar, die die verschiedensten Abtönungen zwischen Schwarz und Weiß trägt. Und jeder Abdruck unterscheidet sich vom nächsten durch die Verteilung und die Stärke des Druckes, den die Hand auf die Bürste, die Bürste auf das Papier ausübt. Jeder Druck ist also ein mögliches Abbild des Stockes, keiner ist das Abbild. Der Stock selber wird, da durch die Druckfarbe gänzlich schwarz eingefärbt, unlesbar. Er ist eine weitere Möglichkeit eines Bildes, wenn auch von anderer Art als die Abbilder. Diese Konstellation von prinzipiell unendlich vielen unterschiedlichen Abbildern, von denen jeweils nur einige wenige realisiert werden, schafft die Suggestion des wahren Inhaltes, des wahren Bildes hinter den vielen Bildern. Das alte erkenntnistheoretische Problem vom Verhältnis zwischen Urbild und Abbild, zwischen Wesen und Erscheinung wird hier in der künstlerischen Arbeit erinnert, gestellt, offen gelassen. Michael Schneider selber spricht von Rekonstruktion, von unendlicher Annäherung an ein zu Rekonstruierendes, wobei es keine Sicherheit gibt, daß dieses zu Rekonstruierende überhaupt existiert. Alles, woran der suchende Blick, der rätselnde Geist sich halten können, ist die Wahrnehmung, auf die wir zurückverwiesen sind. Wenn Michael Schneider in seinen Überlegungen zur Kunst ausgegangen ist von der Ausgrenzung des rein Begrifflichen, so kehrt, wie die Psychologie uns lehrt, das Ausgeschlossene wieder. Die Reproduktion mittels Abdruck vom Holz ist der Beginn der allgemeinen Kommunikation, der Zeitpunkt, an den sich der Europäer erinnert, wenn er den Punkt bezeichnet, an dem sich die Geschichte des Abendlandes von den Entwicklungen anderer Geschichtsverläufe trennt. Der Holzdruck ist das Symbol dafür. Michael Schneiders Methode, Holz zu bearbeiten, und in der Folge der Bildaufbau unterliegen einem binären Code (Loch/nicht Loch, weiß/schwarz) - ein binärer Code ist die Grundlage der technischen Geräte des Kommunikationszeitalters. Obwohl die Arbeiten Michael Schneiders durch die große Zahl der Grauwerte einen organischen Eindruck vermitteln, wären sie als Zahlenreihe erfaßbar – ebenso, wie der Computer durch die nicht mehr vorstellbare Anzahl möglicher Kombinationen im Rahmen eines dualen Systems alle vorstellbaren Nachrichten übermitteln kann. Auch die aktuelle Diskussion über die Gefahren eines allgemein zugänglichen Veröffentlichungs-Systems ist nur die Fortsetzung einer Diskussion, die von Machthabern immer wieder geführt und nach Möglichkeit mit Zensur beantwortet wird. |